Die Kinderspielstadt – Ein stabiles Konzept in fragilen Zeiten

Ein Artikel für das Handbuch „Jugendkunstschule. Der Leitfaden für Theorie und Praxis“ veröffentlicht: 30. Januar 2025. Der Leitfaden kann hier bestellt werden: https://infodienst-online.de/infodienst-bestellen/120.html

Was ist eine Kinderspielstadt
Kinderspielstädte sind temporäre, meist während der Ferien stattfindende Miniaturstädte, die für und mit Kindern organisiert werden. Die Grundidee hinter diesem Konzept ist es, Kindern auf spielerische Weise Einblicke in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln und sie in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung zu fördern.
Die Struktur einer Spielstadt ist angelehnt an die einer echten Stadt, an die Welt der Erwachsenen, in kleinerem Maßstab und angepasst an die Interessen, Bedürfnisse und Fähigkeiten von Kindern. Diese übernehmen in einer Spielstadt selbstbestimmt und auf freiwilliger Basis verschiedene Rollen, die sie sich nach Möglichkeit selber aussuchen, sei es als  Bürgermeister*in, Taxifahrer*in, Schalterbeamt*in, Journalist*in oder Schauspieler*in.
In diesem Lernraum wird unmittelbar erfahrbar und nachvollziehbar, wie Gesellschaft, Gemeinschaft und Zusammenleben funktionieren. Wichtige Fähigkeiten wie z. B. Kooperation, Kommunikation, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein werden dabei gefördert. Das Verständnis von Demokratie und Mitbestimmung sind einer der wichtigsten pädagogischen Aspekte. Somit machen Kinderstädte nicht nur einen riesigen Spaß, sondern stoßen auch wichtige Lernprozesse an.
Der Ursprung der Idee
Kinderstädte gibt es seit den 1970er Jahren, als das Konzept in München ins Leben gerufen wurde. „Mini-München“ als erste Kinderspielstadt wurde schnell Vorbild für andere und fand Nachahmende, die ähnliche Konzepte in ganz unterschiedlichen Dimensionen realisieren. 1989 hat der Düsseldorfer Verein Akki – Aktion & Kultur mit Kindern e. V. seine Spielstadt „Düsseldörfchen“ ins Leben gerufen, die seitdem jährlich mit steigender Beliebtheit und wachsenden Teilnahmezahlen angeboten wird.
Inzwischen gibt es eine lange Liste von Kinderspielstädten in Deutschland und weltweit.

Jedes Jahr im Sommer entsteht auf einer ansonsten freien Fläche in einem Düsseldorfer Park ein ganz besonderer Ort: Das „Düsseldörfchen“. Zahlreiche große und kleine Zelte und Pavillons werden im Grünen zwischen Bäumen aufgebaut, um die Grundstrukturen für diese Kinderstadt zu schaffen. Eingerichtet werden die „fliegenden Bauten“ mit großem Aufwand und viel Liebe zum Detail. LKW-Ladungen voll mit Baugerüsten, Möblierung, Kulissen, Technik, Elektrogeräten, Holz, Kleinstmaterial und handgemalten Beschilderungen werden ausgeladen und von einem großen Team inszeniert. So entsteht ein sorgfältig konzipierter Lernraum aus 16 einladenden Werkstätten, die ausgestattet sind mit allem, was „Kind“ braucht, um sich zusammen mit 280 anderen Bürger*innen zwischen 8 und 14 Jahren diese Stadt zu eigen zu machen. Die Werkstätten werden von Teams aus erwachsenen Mitspieler*innen betreut, die die Kinder mit fachlichem Know-How, handwerklichem Können und jeder Menge Spielfreude bei der Realisierung von Ideen unterstützen und begleiten.

Zusammen zum Ziel

Alle Spielbereiche und Werkstätten sind miteinander vernetzt und arbeiten Hand in Hand. Zuständigkeiten, klare Absprachen und visualisierte Prozesse machen die Zusammenhänge und unterschiedlichen Aufgaben in der Stadt spielerisch begreifbar – auch für die jüngeren Kinder, die ihren ersten Sommer im Düsseldörfchen verbringen und noch keine Erfahrungen oder feste Pläne für ihren diesjährigen Werdegang im Gepäck haben, wie es so oft bei den Bürger*innen mit Projekterfahrung der Fall ist. Alle Kinder sind fest für „Düsseldörfchen“ angemeldet und nehmen die gesamte Zeit teil. Die Mischung aus neuen Kindern mit ganz vielen Fragen und erfahrenen Bürger*innen, die schon wissen, wie es geht und das Spieltempo ungeduldig erhöhen, sorgt für eine besondere Dynamik im Spiel. Eine wichtige Aufgabe für das Team liegt deshalb darin, als Ansprechpartner*innen allen Bedürfnissen gerecht zu werden: denen, die noch Orientierungshilfe brauchen, die Hand zu reichen und denen, die auf der Karriereleiter des „Düsseldörfchens“ nach ganz oben wollen, Herausforderungen zu bieten. Unbedingtes Ziel ist dabei immer, dass die Großen die Kleinen unterstützen und Wissen und Erfahrungen auch „von Kind zu Kind“ zu transportieren. Denn das Leben im Düsseldörfchen findet vor allem miteinander statt.

Einrichtungen der Kinderstadt

Öffentliche Einrichtungen, Handel und Wirtschaft, Kultur und Bildung sind die Säulen der Stadt. Diese Bereiche werden von den unterschiedlichen Werkstätten vertreten. Hauptanlaufstelle für alle Bürger*innen ist das Rathaus, das mit dem Meldeamt, Ordnungsamt, Bauamt etc. die gesamte Stadtorganisation beinhaltet und einen Rahmen für alle Aktivitäten schafft. Sehr attraktiver und gleichzeitig kontrovers diskutierter Aspekt im „Düsseldörfchen“ ist das eigene Spielgeld, das für einen Geldkreislauf sorgt und wirtschaftliche Prozesse ankurbelt. Die Grundlage des Wirtschaftens mit der projekteigenen Währung „Düssel-Euro“ kann im Bereich „Bank“ erlernt werden. Denn in der Kinderstadt kann man nicht nur für einen Bereich arbeiten, sondern auch die Selbstständigkeit anstreben und sich mit neuen Geschäftszweigen unabhängig machen. Es entsteht zwischen den vorbereiteten Grundstrukturen ein Eigenleben, welches niemals vorhersehbar ist und sich jährlich durch die aktuellen Interessen und Ideen der Kinder ausformt. Und so sehr manche Kinder den Umgang mit dem selbst verdienten Geld genießen und ihre Umsätze mitunter auch trickreich steigern, so unabhängig machen andere Kinder sich von den Scheinen, die am Projektende schlagartig ihren Wert verlieren. Es ist auch hier das breite Erfahrungsfeld und die Möglichkeit zur selbstbestimmten Entscheidung, die die Besonderheit der Kinderstadt ausmacht. Kulturelle Angebote wie Theater, Kunst, Film und Tanz gehören natürlich essenziell zum Spektrum der Kinderstadt. Bildung und Forschung werden durch Werkstätten wie das Forschungslabor, die Urknall-Uni oder das Entdecker-Camp abgedeckt. Die Funktionsweise und Bedeutung der Medien für die Gesellschaft wird durch die täglich erscheinende eigene Zeitung, das Radio/Ton-Studio oder das Filmstudio erfahrbar. Kinder werden hier zu Journalist*innen und Reporter*innen ausgebildet und gehen auch mal auf Kollisionskurs mit den amtierenden Regierungen. Freizeit und Erholung gehören auch dazu: der Sportverein oder der Naturbereich am Stadtrand bieten diverse Auszeiten vom städtischen Trubel. So ist jederzeit für eine gesunde Work-Life-Balance gesorgt – auch wenn das ganze Leben im „Düsseldörfchen“ eigentlich ein Spiel ist.

Förderung von Demokratieverständnis

Im „Düsseldörfchen“ haben die Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit an Wahlen teilzunehmen und noch während des Projektes die Auswirkung ihrer Entscheidung für die ein oder andere Partei und die Umsetzung von Wahlversprechen hautnah zu erleben. Sie können nicht nur selber wählen sondern sich auch zur Wahl aufstellen, Wahlkampf mitgestalten, Diskussion über Gerechtigkeit, Machbarkeiten und Interessenskonflikte selber führen oder erstmal nur zuhören und sich eine eigene Meinung bilden.

In verschiedenen Gremien wird niedrigschwellig Zugang zu den wichtigen Fragen der Ausgestaltung des eigenen Gemeinwesens ermöglicht, sei es in der Bereichsbesprechung, als Bereichsvertretung im Stadtrat oder im Publikum bei der Stadtversammlung. Auf diese Weise können die Kinder die Organisation ihrer Stadt aktiv mitgestalten, mit überschaubarer Bürokratie, greifbarer Demokratie, kurzen Wegen, ganz viel Öffentlichkeit und Transparenz.

Öffentlichkeit herzustellen für das, was den Kindern in ihrer Stadt wichtig ist und was an allen Ecken und Enden geschieht, ist eines der wichtigsten konzeptuellen Anliegen. Es werden gemeinsam Gesetze verabschiedet und überprüft, ob sie in der Praxis funktionieren oder ob vielleicht noch einmal nachgearbeitet werden muss. Im Stadtleben entstehen natürlich auch Konflikte. Diese sind weder plan- oder vorhersehbar noch werden sie unter den Teppich gekehrt. Ganz im Gegenteil sind sie willkommener Anlass, den Umgang mit Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zu lernen. Mal versammelt sich plötzlich ein unzufriedener, demonstrierender Bautrupp vor dem Rathaus, mal bleibt das Kino zu, weil das Filmstudio findet, dass die Stadt die Kultur nicht ausreichend fördert, mal müssen sich im Stadtrat die Bereichsvertreter*innen mit der Limonaden-Lobby auseinandersetzen: Potenzial für Diskussionen bietet das Düsseldörfchen genug. Konflikte auszuhalten, zu kommunizieren und zu verhandeln, Lösungen zu finden und dabei Kompromisse einzugehen, ist eine wichtige Erfahrung, die notwendig ist, um in zahlreichen Lebenssituationen zurechtzukommen. Regeln und Gesetze, die nach sorgfältiger Abwägung gemeinsam auf Kinderebene verabschiedet wurden, gelten. Dies zu akzeptieren, fällt leichter, wenn man am Prozess partizipativ beteiligt war. Das Verständnis für demokratische Prozesse fördert auch die Bereitschaft zur Partizipation und führt im besten Fall auch zum Engagement in der realen Welt.

Vertiefte Erfahrungen und nachhaltige persönliche Entwicklung

„Düsseldörfchen“ ist auf drei Wochen angelegt und nicht für einzelne Wochen buchbar, da die Dauer unerlässlich für die Qualität der Lernerfahrungen ist. Die ausgiebige Zeit ermöglicht es den Kindern, sich intensiv mit ihren Rollen und den Strukturen der Stadt auseinanderzusetzen. Es ist Zeit, erst einmal zu beobachten und sich später auch selber zu trauen, z. B. auf der Bühne etwas vorzutragen. Die Kinder können komplexere Aufgaben übernehmen und tiefere Einblicke in die Prozesse und Zusammenhänge gewinnen. Die Dauer und Intensität des Projektes sorgen dafür, dass Kinder die Konsequenzen ihrer Entscheidungen sehen und verstehen. Auch Beziehungen zu anderen Teilnehmenden können aufgebaut werden, die Teamfähigkeit und die Entwicklung von Problemlösungsstrategien werden verbessert.

„Düsseldörfchen“ ist bewusst fehlerfreundlich. Zeit zu haben für „Trial & Error“ ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzeptes. 15 Tage in einem kontinuierlichen Kontext sorgen dafür, dass Kinder in Ruhe experimentieren und lernen können. Es ist möglich, Fehler zu machen, daraus zu lernen und das eigene Handeln anzupassen.

So unterschiedlich die „biografischen Ferienverläufe“ der einzelnen Kinder sind, so unterschiedlich sind auch die Momente, die für Irritationen oder für Frust sorgen oder mutige Schritte erfordern. Zum Beispiel kann angesichts des tollen Warenangebotes auf dem Mittwochsmarkt die Feststellung erst einmal bitter sein, dass es doch nützlich gewesen wäre, ein paar Düssel-Euro verdient zu haben, um sich etwas zu kaufen. Aber zum Glück gibt es ja auch noch in der zweiten und dritten Woche einen Markt, auf den man sich – um eine Erfahrung reicher – vorbereiten kann.

Wer sich in der ersten Woche nicht an große Bauwerke herantraut oder noch nicht die richtigen Baupartner*innen gefunden hat, findet zunächst vielleicht beim Bau eines Vogelhauses in der Schreinerei richtig Spaß an Holzarbeiten. Dann ist immer noch genug Zeit, im zweiten Schritt mit neuen Freund*innen nebenan im Autowerk an einer richtig fahrtüchtigen Seifenkiste zu bauen und sogar beim großen Seifenkistenrennen teilzunehmen, wenn die ganze Kinderstadt sich zum Abschluss am Rand des Parcours trifft und jubelt.

Unbeschreiblich ist das Gefühl, die Früchte der eigenen Bemühungen und Arbeit zu ernten. Wenn man nach anstrengenden, tagelangen Bauarbeiten an der eigenen Hütte in der sommerlichen Hitze auf dem Dach derselben unter dem Sonnenschirm liegt und auf das Treiben der Stadt heruntersieht, stellt sich Zufriedenheit bis Euphorie ein. Es ist mit allen Sinnen fühlbar, dass der Aufwand sich gelohnt hat und der Stolz auf das Ergebnis – eine tragfähige, stabile Hütte mit Aussichtsterrasse – ist beinahe grenzenlos.

Oder der Triumph, wenn man nach dem ersten verlorenen Wahlkampf erneut antritt und es im zweiten Anlauf schafft, die Wähler*innen zu überzeugen. Und wenn nicht? Dann gibt es ja auch noch den nächsten Sommer, denn die Kinder knüpfen oft nahtlos an ihre Erfahrungen und Erinnerungen aus dem Vorjahr an.

Versuchen und Scheitern sind wichtig, um Resilienz aufzubauen. Das Setting der Kinderstadt ermöglicht es, aus Erfahrungen zu lernen und zu verinnerlichen, dass der Weg durch Beharrlichkeit letztendlich zum Erfolg führen kann. Oder auch, dass das Leben (in diesem Fall die Fülle und Vielfalt der Kinderstadt) viele Alternativen bereithält, die man vorher noch nicht in Betracht gezogen hatte – die sich aber ebenfalls lohnen können! Dies fördert eine verbesserte Frustrationstoleranz und eine realistischere Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Alle Erfahrungen, die „Düsseldörfchen“ bereithält, sind durch die Laufzeit tiefgehender und nachhaltiger.

Immer gleich und doch immer anders

Das Grundkonzept von „Düsseldörfchen“ ist immer ähnlich, an den Grundfesten der Kinderstadt wird nicht gerüttelt. Es gibt zahlreiche Spielbereiche: vom Modehaus, über Autowerk und Bistro bis zum Theater und Designatelier ist jeden Sommer zuverlässig alles dabei, was man braucht, um ein Gemeinwesen auszugestalten. Es gibt immer das Spielgeld, die Freiwilligkeit, die Wahlen und Stadtversammlungen, Märkte und Feste, das Seifenkistenrennen und andere geliebte Traditionen und Tagesordnungspunkte.

Und bei aller Tradition, bei aller Vertrautheit und aller Bekanntheit wird es doch nie langweilig und vor allem nie wie beim letzten Mal. Kein Projekt ist wie das andere. Jeder Sommer ist überraschend. Das Konzept nutzt sich nicht ab. Es bleibt immer aktuell und relevant.

Dazu tragen sicher auch unsere Spezialthemen bei, mit denen wir dafür sorgen, dass es neue Impulse und Gestaltungsanlässe gibt, dass sich die Kinderstädte inhaltlich und augenfällig voneinander unterscheiden: Mal gibt es im „Düsseldörfchen“ ein Museumsdorf mit historischen Aspekten, mal wird der Südpark zum Großstadtdschungel mit Wasserfalloase, mal wird eine Hafenstadt und ein riesiges Schiff mit lauter Kabinen statt Hütten und mit Sonnendeck im Park gebaut, mal beschäftigt man sich mit der Zukunft oder ganz „Düsseldörfchen“ wird zur Entdeckerstadt mit Forschungsfragen. Dementsprechend sind die Bereiche und Werkstätten dann anders strukturiert, tragen andere Titel, bergen neue Inhalte oder gehen auf angesagte Trends ein.

Aber abgesehen von zusätzlichen, thematischen Schwerpunkten ist und bleibt es immer „Düsseldörfchen“ – ein Ort, der von Kindern regiert, bespielt, gestaltet, bewohnt und geprägt wird. Und diese Kinder kommen jedes Jahr aufs Neue vom ersten Projekttag an mit Neugierde, Freude, Entdeckerlust, mit Engagement und Gestaltungswillen in die Kinderstadt. Sie ergreifen die gebotenen Möglichkeiten und loten mit Kreativität die Grenzen des Konzeptes aus, sie erweitern die Spielstadt um das, an was wir gar nicht gedacht hatten. Sie bringen ihre Wünsche und Forderungen ein und machen jedes Projekt zu einer unvergleichlichen Kinderstadt.

Natürlich trifft es nicht auf alle Kinder gleichermaßen zu, dass beim „Düsseldörfchen“ der Funke überspringt und alle Möglichkeiten aufgesogen werden. Es gibt auch Kinder, für die – bei aller Hilfestellung – das offene, komplexe Konzept herausfordernd bleibt. Kinder, die nicht das große Ganze interessiert, sondern die sich nur auf einen einzigen Aspekt konzentrieren möchten und sich bei gemeinschaftlichen Aktivitäten und Prozessen wenig einbringen. Auch das hat seine Berechtigung und auch dafür ist Raum und Zeit. Wer sich beteiligt und begeistert, tut dies freiwillig und aus Überzeugung, dadurch entsteht die besondere Energie, von der das „Düsseldörfchen“ lebt.

Stabilität und Orientierung

Wir befinden uns aktuell in einer besonders herausfordernden Zeit, in der eine Krise auf die nächste folgt, was auch Kinder verunsichert. Ob Inflation, Kriege in der Welt, politische und gesellschaftliche Veränderungen, Naturkatastrophen oder Pandemien – das Leben ist unbeständig und die unsichere Zukunft kann Angst verursachen.

Durch das spielerische Nachahmen realer gesellschaftlicher Strukturen hilft die Kinderspielstadt, Normalität zu vermitteln. Die Kombination aus Spiel und Lernen in einer sicheren Umgebung ist ein pädagogisches Konzept, das in fragilen Zeiten besonders bedeutsam ist und Stabilität und Orientierung bietet.

Zahlreiches Feedback unterstreicht von Jahr zu Jahr, wie wertvoll das Konzept ist:

  • Mitteilungen von Eltern, die begeistert oder überrascht ganz neue Fähigkeiten und Interessen bei ihren Kindern entdecken.
  • Anekdoten wie z. B. vom Viertklässler, der nach einer Woche „Düsseldörfchen“ seinen Eltern verkündet, er habe jetzt schon mehr gelernt als in vier Jahren Grundschulzeit.
  • Kinder, die als schwierig gelten und mit Integrationshilfe ins Projekt kommen und durch das Freiwilligkeitsprinzip vollkommen ohne Hilfe zurechtkommen.
  • Ein Jugendlicher, der in seinem letzten „Düsseldörfchen“ einem externen Reporter auf die Frage, was er denn hier gelernt habe, antwortet: „Das Leben zu genießen!“

Nicht zu vergessen ist, dass aus Kindern Erwachsene werden, die Jahre und Jahrzehnte später ihre Erfahrungen im „Düsseldörfchen“ als prägend schildern und sogar als Mitspieler*innen wiederkommen, um etwas zurückzugeben. Menschen, die sich erinnern, was ihnen die „Düsseldörfchen“-Sommer bedeutet haben. Aber auch diejenigen, die das Projekt nicht als Kind kennengelernt haben, erst als Erwachsene zum Team dazustoßen und sagen „wie gerne hätte ich hier als Kind teilgenommen“. „Düsseldörfchen“ mit seinem großen Team aus circa 50 engagierten Menschen ist also auch ein Ort, der für Erwachsene eine tiefe Bedeutung hat. Viele Menschen begleiten uns über lange Zeit, bauen die Kinderstadt fest in ihre Jahresplanung ein, nehmen Sonderurlaub und bringen irgendwann ihre eigenen Kinder mit ins Projekt. Lehrer*innen, die im Schuldienst tätig sind, verbringen einen Teil ihrer Ferien ganz bewusst im „Düsseldörfchen“ – als willkommene Alternative zu klassischen Lernkonzepten und den vom Lehrplan geprägten Schulalltag. So ist auch das multiprofessionelle, diverse Team aus allen Altersstufen ein wichtiger Faktor für das Gelingen und die Authentizität des Projekts.

Kinderspielstädte wie „Düsseldörfchen“ sind unverzichtbar. Es sollte mehr davon geben.

Es bleibt zu wünschen, dass möglichst viele, weitere Träger landes- und bundesweit Teil der lebendigen, bunten Kinderstadt-Community werden und sich für das Konzept begeistern. Wir können gar nicht genug solcher Orte haben, an denen Kinder sich ganzheitlich entwickeln, wo sie lebenspraktische Fertigkeiten erlangen, in denen sie zu selbstständigen und verantwortungsbewussten Menschen werden und so vieles mehr, was wertvoll für die individuelle Entwicklung und die Positionierung in der Gesellschaft ist.

von Sonja Hirschberg, Akki e. V. , 2024